Hier liegt Bitterkeit begraben

Die Psychoanalyse hat im französischen intellektuellen Diskurs noch den Stellenwert, den sie verdient. Wenn sie sich mit Philosophie und Gesellschaftswissenschaften verbindet, kann sie besonders gut zeigen, was sie vermag. Anzuzeigen ist ein Buch, das von einer Philosophin, die Psychoanalytikerin ist, geschrieben wurde. Es ist in Frankreich 2020 erschienen und rasch zum Bestseller geworden – zu Recht.

Ci-git l’amer. Guérir du ressentiment – so heisst das Buch im französischen Original. Der Inhalt lässt sich gut übersetzen, das Sprachspiel nicht. Ci-git ist die herkömmliche französische Formel auf Grabsteinen. Beerdigt wird hier das Ressentiment, es soll überwunden werden, das ist das klar an den Anfang gestellte Ziel des Buchs. Phonetisch aber sind auch die Mutter, la mère, und das Meer, la mer, angesprochen. Was bezweckt dieser Gleichklang? Wir werden sehen.

Ishmael taucht am Anfang des Buchs auf, mit ihm das Meer. Ishmael ist der einzig überlebende Held aus Melvilles Jahrhundertwerk «Moby Dick». Er will seine Verbitterung überwinden, und er bricht mit den Walfängern auf. Um Aufbruch geht es auf jeder Seite des Werks. Stillstand, Resignation, Ressentiment werden auf den Begriff gebracht, um sie verabschieden zu können. Sie werden durchquert und sowohl individuell wie gesellschaftlich so lange hinterfragt, bis die Möglichkeit eines neuen Lebens im Hier und Jetzt erscheint.

Aber dieses Werk gehört ganz und gar nicht zum seichten Genre der Ratgeber-Literatur. Es zwingt zum Denken. Ressentiment speist sich aus dem Ruminieren, dem wiederkäuenden Grübeln, das nicht vergessen und nichts hinter sich lassen kann. Ressentiment ist von Groll durchtränkt. Der greift rasch um sich und vergiftet die Persönlichkeit, er verschliesst die Möglichkeiten der Personen, die von ihm ergriffen sind. Verbitterung stützt sich auf einer undifferenzierten Position des Opfers ab, die ein Faszinosum wird, daher nicht nur erlitten, sondern auch gesucht wird. Klage ersetzt Realität und wird zu einem Fetisch. Die vita activa, die eigene Handlungsfähigkeit geht verloren, Wirkungskraft wird den Mächten der Aussenwelt zugeschrieben.

Die Autorin kann sich auf eine weitgefächerte Gedankenwelt abstützen, die in differenzierten, aber immer klaren Worten wiedergegeben wird. Max Scheler beschreibt die Erscheinungsformen des Ressentiments und führt es gesellschaftshistorisch ausgerechnet auf das Gleichheitsversprechen der Demokratie zurück, das als Ideal, nie aber als Realität Bestand hat. Friedrich Nietzsche verortet das Ressentiment im Denken des Massenmenschen, der seelisch schwach und weich ist, der niemals die Ausnahme und das Besondere sein will, der aber auch den Schmerz vermeidet, der zum Handeln anstacheln könnte. Stattdessen flieht er in die Illusion, dass er ein Recht auf Wiedergutmachung hat, die z.B. aus dem Jenseits, jedenfalls von aussen zu kommen habe. Gilles Deleuze greift auf Freud und Nietzsche zurück, wenn er betont, dass der vom Ressentiment geleitete Mensch nichts vergessen könne.  Er stellt klar, dass die tragischen Umstände im Gegenteil auch ein Moment der Freiheit enthalten könnten, wenn sie denn anerkannt würden – was dem resignierten, verbitterten Menschen gerade misslingt.

Unterwegs werden durchaus auch heikle intellektuelle Wegbegleiter aufgerufen, sie könnten das Nachdenken über Ressentiments in eine gefährliche Nähe zu einer Idealisierung von Kraft und Macht und Temperament, zu einer einseitig bejahenden und schliesslich unkritischen Philosophie führen, der  - das sei nebenbei bemerkt – ja auch gegenwärtig einige viel diskutierte Denker in Deutschland erliegen. Einen Ausweg findet die Autorin im psychoanalytischen Denken.  Psychoanalytische Therapie will Fühlen, Denken und Handeln befreien, und dies auf dem Weg eines Sprechens, das sich von Vorgaben befreit und Zukunft wieder öffnet, also Zeitlichkeit neu entdeckt. Aber es gibt vielen weitere fruchtbare Auswege, überall dort, wo sich im Durcharbeiten der Grenzen Möglichkeiten bieten, dass etwas kreiert, neu geschaffen, neu durchdacht wird und sich der Wirkungskreis sich öffnet.     

Das Buch bleibt nicht im Individualpsychologischen hängen. Denn das Ressentiment bedient sich gesellschaftlicher Mechanismen. Die Opferideologie führt zu einer Gegenbewegung, die in dem Gefühl der Selbstermächtigung und im Glauben an einen charismatischen Führer gipfelt. Wer überzeugt davon ist, dass er Opfer und nur Opfer ist, findet rasch einen Schuldigen, dieser wird zum Feind und muss schliesslich vernichtet werden, weil er als Ursache allen Unglücks erscheint. Die Rechte des so erzeugten Feindes werden nicht anerkannt, er wird verdinglicht, zu einem Objekt gemacht, icht als Subjekt anerkannt. Die Autorin verweist auf die Kritische Theorie von Th. W. Adorno bis Axel Honneth, um zu zeigen, wie das Vorenthalten der Anerkennung, die Verdinglichung des Anderen und das Ressentiment zusammenwirken.

Nun aber birgt die moderne Lebenswelt die Gefahr einer zunehmenden Uniformierung und Gleichschaltung als Konsumenten. Dadurch wird das Gefühl, Opfer der Verhältnisse zu sein, verstärkt. Gegenmittel sollen den Selbstwert heben, durchaus untaugliche Produkte der Kulturindustrie müssen herhalten, um die Wunden zu heilen, die durch eben diese entstanden sind. Gegenmittel werden in totalitären Bewegungen gesucht, die falsche Versprechungen machen, nämlich dass die Entrechteten wieder in ihr Recht eingesetzt werden. Dass zu Unrecht vernachlässigte Werke von der Autorin wieder gewürdigt werden, etwa Wilhelm Reichs «Massenpsychologie des Faschismus», ist erfreulich.

Es mag überraschen, dass besonders Frantz Fanon hervorgehoben wird. Aber dem zweiten Blick enthüllt sich die Konsequenz im Denken der Autorin. Fanon, der Psychiater im Algerien der Nachkriegszeit, das von dem französischen Kolonialismus beherrscht wird, stösst in seiner therapeutischen Arbeit auf die Gewalt der Kolonialherren und die Zerstörung der Persönlichkeit des Kolonisierten, aber auch des Kolonialherren selbst. Psychiatrie und Psychoanalyse sind von einem politisch verantwortungsvollen Denken nicht zu trennen.  Fanon setzt sich für die politische Befreiung der Kolonisierten ein, weil er die Subjektivität und Individualität jedes Menschen, in der Praxis ebenso wie in der Gesellschaft, retten und wiedergewinnen will. Therapie und politisches Engagement sind nicht gleichzusetzen, sie richten sich auf andere Handlungsfelder, aber sie haben die gleiche Triebfeder und das gleiche Ziel, die Möglichkeiten des Einzelnen zu stärken, ihm die Möglichkeit wieder zu eröffnen, sich zu verwirklichen, statt in Ressentiment zu versinken.

Wie lässt sich der Gleichklang des französischen Titels zwischen Bitterkeit und Mutter erklären, den wir eingangs nur benannt, aber nicht verstanden haben? Abschied und Trennung gehören, psychoanalytisch gesprochen, zum Wachsen der unverwechselbaren Persönlichkeit eines Menschen dazu. Abschied, der mit Trauer einhergeht, ist nicht zu verwechseln mit dem Abbruch oder dem Scheitern von Beziehungen. Nur diese unterstützen den Opferstatus, wenn ein Verlust nicht angenommen werden kann, so dass statt des Abschiednehmens der untaugliche Ersatz gesucht wird, die Droge, die Masse, der Führer. Trauer hingegen bewahrt den Anderen als Anderen und ermöglicht es dem Selbst, sich zu verselbstständigen.

Abschliessend soll ein weiterer Gleichklang untersucht werden, der zu la mer, dem Meer. Nirgendwo wird, soweit ich sehe, dieses Rätsel im Buch gelöst. Vielleicht taucht in diesem Moment der Schalk auf, der Humor – denn der wird als einer der Kräfte, neben Liebe, Freundschaft und ästhetischer Erfahrung aufgerufen, als Mittel, das Ich, das Selbst zu stärken. Vielleicht ist das Meer, um einer weitergehenden Phantasie zu folgen, auch zwischen den Buchdeckeln begraben. Denn das Werk bietet einen weiten Streifzug durch wichtige Fundstücke des psychoanalytischen, philosophischen, gesellschaftswissenschaftlichen Denkens. Die Lesenden könnte in der Fülle der geistigen Wogen untergehen, aber sie werden immer wieder geführt, das Ziel gerät bei aller anregenden Fülle nicht aus den Augen, so dass sie wie Ishmael bei Herman Melville gerettet werden. Anfangs- und Endpunkt dieses wertvollen und reichen Buchs ist die Emanzipation, die Überwindung des Ressentiments und das (Wieder-)Finden der eigenen und zugleich auch der gesellschaftlichen Möglichkeiten.

Natürlich, der Bogen ist weit gespannt, viele Fragen bleiben daher notgedrungen offen. Natürlich, manchmal wird mit viel Enthusiasmus nur beschworen, was vertieft werden muss – nicht zuletzt im eigenen Denken, zu dem die Autorin überzeugend einlädt. Sie selbst macht auch nicht halt; sie hat bereits ein neues Buch vorgestellt, La Clinique de la Dignité, in dem sie einlädt zum Weiterdenken über die Würde des Menschen. Denken wir also weiter mit ihr mit.

Rezension von Joachim Küchenhoff

Basel, 17.12.2023

Cynthia Fleury: Hier liegt Bitterkeit begraben. Über Ressentiments und ihre Heilung.

Suhrkamp 2023.

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